Spiritualität
Bevor wir uns mit dem Begriff „Spiritualität“ beschäftigen können, müssen wir uns zuerst mit der Frage auseinandersetzen, was überhaupt „Realität“ ist? Wie ist das mit dieser „Beschreibung der Welt“, die in unserem Kopf existiert, und zwar durch die Brille, die uns unser soziales Umfeld diktiert hat. Aus der materiellen Sicht ist Realität alles, was wir haben. Aus dem gegenüberliegenden Blickwinkel stellt sich hingegen die Frage: Ist Realität nur deshalb alles, was wir haben, weil wir die Welt nie anders kennen gelernt haben als aus dem Spiegel des von uns selbst zur Wirklichkeit gekürten Weltbildes, damit wir „da draußen“ etwas haben, das wir kontrollieren können. Damit wäre Realität nichts anderes als eine selbst kreierte Spielwiese des Geistes, um Menschen über die Auswirkungen und das Hinterfragen ihrer Handlungen und Taten an die von ihnen selbst verursachten Probleme heranführen zu können, und nicht das Zementieren, sondern die Überwindung der Realität das Ziel. Denn Realität verändert sich im Leben je nach Verschiebung des Fokus, durch dessen Linse wir die Welt betrachten. Jede Veränderung der Perspektive verwandelt natürlich auch den Hintergrund, auf den sich die Erfahrung der ursprünglichen Sichtweise bezieht, und man kann von verschiedenen Standpunkten aus verschiedene Assoziationsebenen auslösen, die unbekannte Teile unserer Persönlichkeit freilegen – was wir aber natürlich nicht merken.

Dabei ist unser Fokus stets auf die Vergangenheit ausgerichtet, denn die Vergangenheit setzt die Prioritäten, die wir von der Zukunft erwarten, denn nur aus der Vorstellung der erlebten Vergangenheit können wir uns das Bild einer kontrollierten Zukunft auch vorstellen. Mephistophelisch gesprochen: Jedes „zukünftige Erleben“ wird an den Erfahrungen der Vergangenheit gemessen und der Gefühlswert des Zukünftigen damit aus dem Verflossenen assoziiert. Somit ist die „zukünftige Erfahrung“ lediglich das Resultat der Messung neuer Eindrücke an den vergangenen Beobachtungen auf anderen Ebenen, deren Auswirkungen wie die Ringe eines ins Wasser geworfenen Steines sich immer wieder auf die ursprüngliche Prägung in der Kindheit beziehen. Die „Straße der Zukunft“ rollt auf dem Pflaster vergangener Erfahrungen, und das ganze Leben ist im Grunde weniger ein fortlaufender Abenteuerroman, sondern eine sich immer enger zusammenziehende „Episodengeschichte“, die sich nur durch die kontrollierende Instanz des Ego wie eine fortlaufende Geschichte anfühlt. „Realität“ illustriert diesen Mechanismus, wenn sich die vielen Wege mit zunehmender Dauer immer mehr verdichten und die immer wieder gleichen Bilder durch verschiedene Sichtweisen und Rückblenden zu einer fixen Realität verbinden, die dem suchenden Menschen zeigt, wie simple Bilder durch die bloße Einbindung in „vergangene Erfahrungen“ zu ganzen Vorstellungs- und Empfindungskomplexen im menschlichen Hirn „realisiert“ werden. Mit anderen Worten: Unbewusst gibt es keine duale Schiene Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, sondern das ganze menschliche Erleben ist wie ein Spinnennetz so in die Psyche verwoben, dass wir jedes zukünftige Ereignis mit ähnlichen vergangenen Erfahrungen vergleichen und das Erlebnis an der Stelle im Netz positionieren, an der es an vergangene Ähnlichkeiten anknüpft. Aus der Position des Unbewussten kann keine Situation linear geschildert werden, sondern sie wird in verschiedenen Erinnerungskomplexen über das ganze unbewusste „Assoziationsfeld der Psyche“ verteilt, deren Fortlauf nicht „fadenförmig“ verläuft, sondern sich von den verschiedenen „Assoziationsgeflechten“ aus zu einem unsichtbaren Ganzen „strickmuster- förmig“ entwickelt. Vereinfacht ausgedrückt stellt sich der Geist dieses Spinnennetzes als „zukünftige Erinnerung“ dar, d.h. entweder als vergessenes Ereignis, das im Unbewussten wirkt, bis es sich wieder in die Gegenwart drängt, oder (in ihrer verkehrten Überlappung) als psychisch mögliche, aber unerlebte Vergangenheit, die, obwohl die Seele dafür bereit gewesen wäre, nicht in das reale Geschehen durchgedrungen ist. Als unerlebte Wirklichkeit kann sie weiter im Unbewussten wirken, zumindest solange, bis sich das „unbearbeitete“ Unerlebte in die Zwischenwelt der Träume und Phantasien eingefügt hat.

Relativität - eine kollektive Illusion
Damit aber noch nicht genug: Wir haben es in der Psyche nicht nur mit Erlebnissen zu tun, an die wir uns erinnern können, sondern auch mit Begebnissen, die wir von uns abgespalten haben, da wir uns mit ihnen nicht identifizieren können. Und neben den bewussten und verdrängten Vorgängen haben wir uns auch noch mit unerlebten, aber uns zugehörigen Erfahrungsmustern auseinanderzusetzen, die wir energetisch in unsere Erinnerungen eingeknüpft haben. Diametral zu den Ereignissen, die wir zwar erlebt, aber verdrängt haben, gibt es diese „unerlebten Wunschvor- stellungen“, die wir
nicht erfahren haben, die aber trotzdem so stark mit uns verbunden sind, dass wir sie als Teil unserer Erinnerung betrachten. Diese Geschehnisse bilden mit anderen unerlebten Energien Erlebnisbündel, die unter unserer Bewusstseinsschwelle eigene Handlungsabläufe kreieren und, ohne je Realität zu werden, auf unsere Persönlichkeit großen Einfluss nehmen können. Sie können das mentale Geschehen verändern, sodass wir im Nachhinein tatsächlich glauben, unrealisierte Begebenheiten in der Wirklichkeit erfahren zu haben. Auch das ist ein Teil unserer Realität, wenn auch ein Teil, den wir aus unserer Realität ausgeblendet haben, da er sich bereits mit der geistigen Welt berührt. Aus diesen Gründen ist unsere normale Sichtweise oder das, was wir als kontrolliertes Weltbild erfahren, halt einfach das Konstrukt, das übrig bleibt, wenn sich die vielen Handlungsfäden vor dem „inneren Auge der Seele“ zu einem Ganzen verbinden und der Verstand das „Strickmuster“ linear nicht zu entschlüsseln weiß. In einem Wort: eine kollektive Illusion.