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Leseprobe
Die Frage nach Gott
Gehen wir noch einen Schritt tiefer und machen wir uns mit einer unangenehmen, geradezu revolutionären Hypothese vertraut. Erinnern wir uns an Michelangelos Gott-Adam-Bild in der Sixtinischen Kapelle – durch seine berührende Hand hat Gott Adam „angehustet“ und zum Leben inspiriert (mit seinem Virus infiziert). Seither versucht Adam immer Gott (in Form von „Gottes-Viren“) zu produzieren und andere Wesen zu infizieren (im positiven Sinne sollte man eher von Inspiration sprechen), also „wie Gott zu werden“ und die anderen anzustecken. Diesen menschlichen Versuch, Gott zu reproduzieren, erkennen wir in allen großen Religionskulturen, in denen die Priester wegen ihrer Machtgier (Dogmatismus, Fanatismus) oft versagt haben. Statt zu echten „Inspirationsquellen“ zu werden, waren sie ständig bemüht, ihre Macht zu demonstrieren und die Gläubigen mit ihren Gottes-Viren zu infizieren (was für die Häretiker ein Plan des Teufels war). Das war auch der Grund, weshalb sich das Gottesbild so sehr verdreht hatte, bis der verdrängte Schatten, dessen Wirken sich in der Konfrontation mit Gott nicht mehr selbst regulieren konnte, in einem Bild des Bösen auf den Plan trat. Es ist dieser Teil in uns, den wir, da wir ihn ablehnen, lieber auf andere übertragen, sodass wir uns, wenn er uns von außen wieder einholt, trotzdem einbilden können, er habe mit uns nicht das Geringste zu tun. Wie heißt es doch so schön: Gott und Teufel sind beide nur bildhafte Materialisationen der Energien unseres Unbewussten. Wir selbst sind es, die unsere Realität gestalten, und wir sind auch nicht so, wie Gott uns haben will, sondern Gott ist so, wie wir ihn haben wollen – und wie wir ihn uns durch den Teufel ständig zurückspiegeln lassen! Die Heilung vom Teufel und anderen abgespaltenen Teilen war übrigens schon den alten Weisen und Zauberern bekannt: Man musste lernen, das so genannte Böse in sich aufzunehmen, ohne aber die eigene Identität aufzugeben, bis man plötzlich merkte, dass es in dem Moment verschwunden war, in dem man sich ihm hingab und es nicht mehr bekämpfte. Alttestamentarisch gesprochen ist das Virus auch die andere Seite Gottes, die alles miteinander verbindet, wenn sie uns nicht wegen unserer negativen Haltung in der Maske des Teufels erschrecken muss. Somit entspräche der körperliche Virus dem Schatten aus der Nicht-Hingabe an die göttliche Natur, und unser Hygienewahn, unsere Angst vor Mikroben, der Abwesenheit des Vertrauens an den göttlichen Geist.
Die Fäden der evolutionären Entwicklung
Machen wir einen letzten Sprung auf eine ganz andere Ebene – in die Sphäre der Gedanken. Was sind Gedanken? In einem übertragen Sinn ähneln sie tatsächlich Viren. Es sind nervale Impulse, die komplexe Netzwerke im Hirn auslösen können. Normalerweise sind sie harmlos, außer wenn sie auf eine unverarbeitete Resonanz im Unbewussten treffen. Dann schwärmen sie aus und hebeln in manchen Fallen ganze Systeme aus, heben intellektuelle Konstrukte aus ihren Angeln, denn als Transmitter oder Botengänger ist es ihre Aufgabe, die Spinnfäden der Gedankennetze anzuzupfen, die schlummernden Bilder aufzuwecken und die ganzen Erinnerungscluster wieder ins Bewusstsein zu hieven. Die Portale der Vergangenheit schwingen auf, aufgescheuchte Assoziationen schießen in den Raum und setzen übertriebene Reaktionen frei. Wir kennen das aus dem Alltag, wenn beispielsweise die harmlose Bemerkung eines anderen plötzlich alte Erinnerungen und unverarbeitete Geschehnisse in uns auslöst – plötzlich sind wir wieder mitten drin in der Vergangenheit. Der Volksmund hat diesen Mechanismus in saloppe Sprüche eingebunden: „Ich werde diese Gedanken nicht mehr los“, oder „Gedanken haben ihr eigenes Leben“ usw. Was lässt sich daraus schließen? Gedanken sind Transformationspunkte, die in den Verknüpfungen unserer Erinnerungen, wenn der Impuls auf die passende Frequenz im Äther trifft, entzündliche Reaktionen in Form von Infektionen oder Inspirationen erzeugen können, was uns zur entscheidenden Frage führt: „Was ist der Unterschied zwischen Infektion (Körper) und Inspiration (Geist)?“
Antwort: „Infektion wird vom Schicksal gegen den Menschen erzwungen und kann nur das Ende von einem falsch eingeschlagenen Weg bedeuten, wenn alles dunkel wird, damit man seine eigene Dunkelheit erkennt und sich auf den Weg nach dem wahren Licht machen kann. Inspiration entspricht stattdessen einem freiwilligen Empfangen des Geistes, die, richtig mit dem Herzen empfangen, nur wachsen, immer umfassender werden kann – ähnlich einer Sonne, die für alle leuchtet und alle inspiriert.“
Halten wir auseinander: Infektion wirkt auf materieller, Inspiration auf geistiger Ebene – im positiven wie im negativen Sinn. Es ist die Öffnung gegenüber Gott, das freiwillige Empfangen spiritueller Kräfte. Denken wir an die klassische Musik. Musik empfängt man, indem man sich ihr öffnet, sich von ihr durchdringen lässt, damit sie sich im ganzen Körper ausbreiten kann. Es ist ein Akt der Empfängnis, der uns im Moment des Erlebens gar nicht richtig bewusst ist. Oder an die Kraft, die Wallfahrtsorte oder heilige Plätze in den Menschen auslösen, an die mysteriösen Schwingungen von Marienerscheinungen und anderen Wunderorten, die sich in den Seelen auswirken. Es sind dies eine Art geistiger Viren – virale Kräfte, die uns wieder erinnern. Vielleicht sind es auch kosmische Felder, die wir seit Jahrtausenden in uns tragen, Sehnsüchte, die vergessene Ereignisse in den Speichern der Erinnerungen in uns aufwecken können, die sich mit unseren aktuellen Wünschen und Sehnsüchten verbinden und Gefühle in uns auslösen, für die wir keine Erklärung haben. Oder nehmen wir Dornröschen. Dornröschen wird im eigentlichen Sinne vom Virus einer Spindel gestochen und fällt in einen hundertjährigen Schlaf. Doch nach hundert Jahren erwacht es aus seinem Schlummer, und die Dornen, die Schloss und Menschen eingeschlossen haben, verwandeln sich in Rosen. Das Virus steht also nicht nur für den eindringenden Stachel des Gifts, sondern auch für die Heilung, sobald es seine Botschaft in der Zelle des Wirtes abgegeben hat. Der Empfänger nimmt, wenn sein Lebenswille stark genug ist, das Genmaterial des Virus in sich auf und erwacht, um diese Information bereichert, wieder zum Leben.